21.08.10
Werte, auf die man bauen kann
Sind Sie ein Value-Investor? Auf welche Werte bauen Sie in Zukunft? Die Verschuldungspyramiden geraten außer Kontrolle, die Gesundheits- und Sozialkosten werden immer größer. Was wird wohl langfristig wertbeständig bleiben und was wird ein non valeur? Oder wird alles in ferner Zukunft wertlos aufgrund einer Währungsreform werden? Dies Fragen wird Sie sicherlich auch beschäftigen. Droht das Ende des Kapitalismus und der Wohlstandsgesellschaft? Droht nach der Deflation eine Hyperinflation mit der Folge der Entwertung aller Sparguthaben und vieler Vermögenswerte. Droht auch eine Minderung des Wohlstands, die Auflösung des Sozialstaats wegen Zahlungsunfähigkeit des Staates? Was wird sich der Staat in Zukunft alles einfallen müssen, um eine Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit zu vermeiden? Wie kann einen Sparkurs bei gleichzeitigem Wachstumszwang funktionieren?
Ich erlaube mir diesmal weniger aufgrund mangelnder Themen im journalistischen Sommerloch und auch nicht wegen des Ramadans, sondern vielmehr weil ich es für notwendig erachte, eine etwas anders geartete Wertediskussion in Gang zu bringen, bei der es nur am Rande, aber doch nicht unwesentlich, um „Bewertungsfragen“ (nicht nur) bei Aktien geht. Krisen wie die im Jahr 2008 ließen - oft viel zu oberflächlich - eine Wertewandel-Diskussion aufkommen, die aber sehr kurzfristig war und nachhaltiger sein sollte. Insofern würde ich mich über Ihr Feedback sehr freuen, was Sie als „wertvoll“ erachten und auch welches Wertesystem neu geschaffen werden sollte.
Die Lehman-Pleite , die de facto im Oktober 2008 das weltweite Finanzsystem in Frage stellte, brachte so einiges Nachdenkenswertes zu Tage, was weit über die jetzt zumindest in den USA begonnene Finanzmarktregulierung hinausgeht. Da ging es in den letzten beiden Jahren seit August 2008 um Verschuldungsfragen (bei Staaten, Banken, Unternehmen und privaten Haushalten) Refinanzierungsfragen, Bonidiskussionen, Fehlverhalten des Managements vor allem im Bereich des Investmentbankings, Stresstests, Blasenbildungen an Finanz- und Immobilienmärkten und es ging vor allem um die Suche nach den Schuldigen für die ganze Finanz- und Wirtschaftsmisere. Es ging danach aber vor allen auch darum, Mittel und Wege zu suchen, wie man eine solche Finanz- und Wirtschaftskatastrophe wie in 2008/9 vermeiden kann, die das kapitalistische System ins Wanken brachte.
Ich will nun keinesfalls als Weltverbesser auftreten, die nach Krisen glauben, die Weisheit gepachtet zu haben. Es lohnt sich aber gerade jetzt, über eine neue Wirtschaftsordnung nachzudenken und Vorschläge für eine optimale Wirtschafts- und Sozialordnung, die es in der Realität nie geben wird, zu machen. Es geht aber um Lernprozesse und Anpassungsnotwendigkeiten im Sinne der Evolution. Wenn es diese Anpassungsprozesse nicht geben wird, gibt es eine Revolution und/oder sprichwörtlich einen dramatischen Werteverfall.
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Der Kapitalismus hat eindeutig mehr Wohlstand geschaffen als der Kommunismus, aber er scheint jetzt aus den Fugen zu geraten, da er wesentliche Werte missachtet bzw. verdrängt hat wie Hilfe zur Selbsthilfe, gegenseitige Unterstützung und Solidarität. Nachdem der Systemstreit zwischen Kapitalismus und Kommunismus keine Rolle spielt, sollten wir uns alle nach dem Jahr 2008 fragen, wie wir eine Wirtschaftsordnung schaffen können, die
- allzu großer Vermögensunterschiede gar nicht erst aufkommen lässt bzw. beseitigt
- Innovationsfähigkeit und Kreativität fördert und belohnt
- Mehrleistung belohnt und Schmarotzertum bestraft
- eine zu starke Bürokratie vermeidet
- finanzierbare Sozial- und Gesundheitssysteme schafft
- unternehmerisches Handeln in Einklang bringt mit ökologischen Notwendigkeiten
- die Schaffung von produktiven Arbeitsplätzen honoriert
- Transparenz, Kontrolle und Vertrauen im System fördert
- Früherkennung von Fehlentwicklungen ermöglicht
- vor allem aber reale Werte schafft und erhält
Bei der Wertediskussion möchte ich nur einige eigene Standpunkte und Anregungen zur Diskussion stellen. Die Schar der Analysten und Anleger aber auch die Aussichtsräte von Aktiengesellschaften sollten – gerne in Zusammenarbeit mit Wirtschaftswissenschaftlern - ein ökonomisches !Anreiz-Beitrags-System“ und ein Sanktionssystem entwickeln, das auch unter ethischen Gesichtspunkten Bestrafungen und Belohnungen schafft. Die Reduzierung allein auf die Gewinnmaximierung und damit auf das „KGV“ als Bewertungskriterium ist zu kurz gedacht. Es sollte darum gehen, zu analysieren und zu beurteilen, wer in der Lage ist,
- kreative und innovative Werte zu schaffen
- dabei Arbeitsplätze zu schaffen oder zumindest zu erhalten
- die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen
- die finanzwirtschaftliche Risiken zu minimieren
- das Eigenkapital nachhaltig zu erhöhen durch Wertzuwachs (nicht durch Kapitalerhöhung)
- das strategische Erfolgspotential zu erhöhen
- einen Beitrag zum ökologischen Fortschritt zu leisten
- zum Gemeinwohl beizutragen, also Steuern zu zahlen.
Dafür könnte man ein Punktesystem festlegen, um Anhaltspunkte zu bekommen, wie „wertvoll“ das Unternehmen für die Mitarbeiter, die Aktionäre und das Allgemeinwohl war. Auch die Boni sollte man nach diesen Kriterien festlegen, also nicht nur an Umsatz oder Gewinn orientieren, sondern ganzheitlich. Immerhin ist es ein kleiner Fortschritt, dass demnächst Managerboni mehr an langfristigen, nachhalten Erfolgskriterien bemessen werden. Es gibt viele Unternehmen, die durch Steuertricks in Steueroasen und durch interne Verrechnungspreise nicht mehr als 20% oder fast gar keine Steuern zahlen. IKEA ist durch das undurchsichtige Firmengeflacht mit vielen Steueroasen ein gutes Beispiel für die „Steueroptimierung“. Die Steuerquote sollten publik gemacht werden. Vieles läuft schief, weil das alleinige Ziel Gewinnmaximierung ist. Der Kapitalismus ist im Grunde keine schlechte Idee, nur muss er sich selbst neu erfinden, sonst führt er sich ad absurdum. In Anbetracht der Verschuldungslawine, die auf uns alle zukommt, wird es ohnehin zu Verteilungskonflikten kommen.
Es geht auch darum zu überprüfen, unter welchen Bedingungen das Unternehmen insbesondere im Ausland den Gewinn für die Aktionäre maximiert. Auch hierüber sollte der Aufsichtsrat oder eine Ethikabteilung im Unternehmen den Aktionären Rechenschaft abgeben. So sollte es auch einen Vorstandsposten „Unternehmensethik“ geben, der für die Ethik des wirtschaftlichen Handelns des Unternehmens verantwortlich ist. Auch Fondsmanger sollten neue Richtlinien bei der Unternehmensbewertung bekommen, die nicht nur auf Cash flow, Gewinn und Umsatzgrößen basiert.
Wir brauchen aber auch ein neues Wirtschaftsprüfungsrecht und neue Rating-Agenturen. Es sollte auch ein Testat dafür geben, wie das Unternehmen die oben genannten Kriterien erfüllt, also wer Arbeitsplätze schafft, wer für Mitarbeiterzufriedenheit (auch über Mitarbeiterbeteiligungssysteme) sorgt, wer neue Märkte erschließt ohne die natürlichen Ressourcen auszubeuten oder über Gebühr zu strapazieren, wer eine Sozialbilanz aufstellt und wie diese aussieht, und vor allem wer nachhaltige Werte schafft. Neben dem üblichen Wirtschaftsprüfungstestat sollte es auch ein Sozialtestat und ein Öko-Testat (=Erstellung umweltfreundlicher Produkte und/oder Nutzung umweltfreundlicher Produkte, Recyclingaktivitäten, Energieeinsparung etc.) gesetzlich vorgeschrieben werden. Ich weiß, dies ist eine große Herausforderung und erfordert einen Umdenkungsprozess - auch bei den Aktionären. Es kann nicht sein, dass die Aktienkurse in die Höhe schnellen, wenn die Meldung kommt, dass das Unternehmen Tausende von Mitarbeitern entlassen will, um Kosten zu sparen. Da stimmt dann doch etwas bei den Akteuren im kapitalistischen System nicht, oder? Aber ohnedies könnte sich der Kapitalismus so wie er sich jetzt weltweit zeigt, sich selbst zugrunde richten.
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Autor: , Quelle: Andreas Männicke
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