Kolumne -  & Wirtschaftsnews - 25.07.10

Konjunktur: "Beispiellose Erholung" in Deutschland?

Deutschlands Wirtschaftsmedien und Konjunkturexperten sind in Hochstimmung. Der Grund ist der neue Ifo-Geschäftsklimaindex, der am Freitag veröffentlicht wurde. Dieser Index, der die Stimmung unter den deutschen Unternehmen erfasst, stieg im Juli gegenüber dem Vormonat um 4,4 auf 106,2 Punkte, und übertraf damit deutlich die Prognosen. 

Das Echo auf diesen überraschenden Anstieg ist überwältigend, und die Analysten überschlagen sich vor Euphorie. Ein Experte der Commerzbank bezeichnet den Anstieg als „Wahnsinnszahl“; die Dekabank findet es „unglaublich, was da abgeht“. Laut Hans-Werner Sinn, dem Chef des Info-Instituts, befindet sich Deutschlands Wirtschaft „in Party-Laune“. Und auch in der Presse ist allenthalben von einer „beispiellosen“ Erholung die Rede. „Deutschland hebt ab“ titelt das „Handelsblatt“, und die „Süddeutsche“ feiert den lang ersehnten Aufschwung mit dem fröhlichen Schlachtruf „Boom, Baby, Boom!“ 

Wer kann von soviel Optimismus unbeeindruckt bleiben? Die Euphorie lässt zumindest vergessen, dass Deutschlands Wachstum im ersten Quartal mit 1,7 Prozent noch äußerst mager ausfiel. Gegenüber dem Vorquartal wurde seinerzeit sogar nur eine Zuwachsrate von vernachlässigbaren 0,2 Prozent erzielt.

Doch ab jetzt kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Wir haben den niedrigen Euro, eine brummende Exportwirtschaft und zusätzlich noch eine Unternehmerschaft, die sich wieder in einer der größten Boomphasen der deutschen Wirtschaftsgeschichte wähnt. Dies alles führte natürlich auch dazu, dass die Wirtschaftsforschungsinstitute und Bankvolkswirte ihre Prognosen jetzt deutlich angehoben haben. Im Mittel rechnen unsere Konjunkturexperten für das zweite Quartal – und jetzt halten Sie sich gut fest – mit einem spektakulären und beispiellosen Wachstum von sage und schreibe über 1 Prozent!
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Zum Vergleich: China Wirtschaftswachstum lag im zweiten Quartal bei 10,3 Prozent – und dies wurde von vielen Börsianern bereits als Zeichen einer konjunkturellen Abkühlung gedeutet. Singapurs Wirtschaftsleistung wiederum explodierte im gleichen Zeitraum um 26 Prozent. Für die meisten anderen asiatischen Volkswirtschaften liegen bisher nur Schätzungen vor. Immerhin haben diese ihre westlichen Pendants aber schon im ersten Quartal deutlich abgehängt. In Taiwan und Indien etwa lag damals das Wirtschaftswachstum bei 13,2 Prozent und 8,6 Prozent; Indonesien schaffte einen Zuwachs von 5,7 Prozent. Und selbst die notorisch wachstumsschwache japanische Wirtschaft expandierte im ersten Quartal um stolze 5,0 Prozent. 

Natürlich wünscht jeder der deutschen Wirtschaft einen kräftigen und nachhaltigen Aufschwung. Als Anleger dürfen wir uns aber keine Illusionen über dessen Ausmaß machen. Die neuen Wirtschaftsdaten mögen kurzfristig ein Anlass zur Freude sein. Sie können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland sich – zusammen mit dem Rest der industrialisierten westlichen Welt – seit Jahrzehnten in einer strukturellen Wachstumskrise befindet. Das eigentliche Wachstum auf unserem Planeten findet anderswo statt - und zwar seit über 20 Jahren fast ausschließlich auf dem asiatischen Kontinent.

Auch der viel beschworene deutsche Exportboom, der in den letzten Monaten stattfand, ändert nichts an dieser Tatsache. Denn das enorme Wachstum der deutschen Ausfuhren ist stark darauf zurückzuführen, dass die Nachfrage aus Asien so stark anzog. Und der starke Anstieg beim Ifo-Index wirkt nur deshalb so beeindruckend, weil das Vergleichsniveau in der Vergangenheit so erschreckend niedrig lag. Der zuletzt erhobene Wert von 106,2 Punkten war der Höchste seit der Wiedervereinigung. Das sagt eigentlich schon fast alles zum deutschen Wachstum der vergangenen 20 Jahre. Die Chancen, dass sich dies in den kommenden Jahrzehnten maßgeblich ändert, sind nicht allzu hoch.


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Autor: (gh), Quelle: EMFIS.COM


 

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